{"id":403,"date":"2019-02-16T12:55:19","date_gmt":"2019-02-16T10:55:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.andlil.com\/de\/?p=403"},"modified":"2026-05-31T18:41:55","modified_gmt":"2026-05-31T16:41:55","slug":"dominiert-geld-unser-leben","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.andlil.com\/de\/dominiert-geld-unser-leben\/","title":{"rendered":"Geld und Gesellschaft: Eine kritische Betrachtung"},"content":{"rendered":"<h2>Dominiert Geld unser Leben?<\/h2>\n<p>In den letzten Tagen bin ich nur Leuten begegnet, die \u00fcber Geld reden. Es ist ihr einziges Weltbild, ihre einzige Motivation, ihr einziger Wert. Dieses Vakuum und vor allem ihre Gewissheit, dass dies das alles bestimmende Thema sein soll, finde ich manchmal st\u00f6rend.<strong> Alle menschlichen Handlungen werden unter einem einzigen Gesichtspunkt, dem Geld, beurteilt.<\/strong> Eine unentgeltliche Handlung, der Wille, anderen zu helfen, zu teilen: all das scheint ihnen v\u00f6llig fremd zu sein.\u00a0Da kommen nat\u00fcrlich Zweifel auf, denn dahinter kommt der stetige Drang zum Vorschein, Geld verdienen zu wollen. Es ist erzwungen und fragw\u00fcrdig. Selbst die harmlosesten Handlungen sorgen inzwischen f\u00fcr Misstrauen. Einer \u00e4lteren Person beim Tragen schwerer Einkaufstaschen helfen (ich muss sie jedesmal beruhigen, dass ich mich nicht mit ihrem Einkauf aus dem Staub machen werde), jemandem die T\u00fcr aufhalten...<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/www.andlil.com\/de\/\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"aligncenter size-medium wp-image-404\" src=\"https:\/\/www.andlil.com\/de\/\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben-300x200.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"200\" srcset=\"https:\/\/www.andlil.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben-300x200.jpg 300w, https:\/\/www.andlil.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben-768x512.jpg 768w, https:\/\/www.andlil.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben-1024x683.jpg 1024w, https:\/\/www.andlil.com\/de\/wp-content\/uploads\/2019\/02\/Dominiert-Geld-unser-Leben.jpg 1920w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><\/p>\n<p>Die Menschen verhalten sich defensiv, sind misstrauisch... Die Werte, mit denen ich aufgewachsen bin, gelten nicht mehr. Sie werden als T\u00e4uschung wahrgenommen (werde ich die wehrlose \u00e4ltere Person ausnutzen?, einer jungen Dame die T\u00fcr aufzuhalten sei ja nur eine billige Anmache...). Die Werte, die mir vermittelt wurden, sind nicht mehr gebr\u00e4uchlich: anderen helfen zu k\u00f6nnen, war einmal die sch\u00f6nste Belohnung. Wo ist der ritterliche Geist, die Ehre, die W\u00fcrde?<\/p>\n<p>Diese Art von Missverst\u00e4ndnis hatte ich bereits erlebt, als ich zum Beispiel meinen Job als IT-Trainer in der Renault-Zentrale aufgegeben hatte. Ich konnte alle damaligen F\u00fchrungskr\u00e4fte, von Louis Schweitzer bis Carlos Ghosn, der damaligen Nummer 2, pers\u00f6nlich schulen; ich ging direkt in ihr B\u00fcro, w\u00e4hrend die stellvertretenden Direktoren im Wartezimmer ausharren mussten (eine Art, die Hierarchie zu untermauern, was mir in der Zentrale zu einem \u201eNimbus\u201c verhalf ((l\u00e4cherlich)) - kurz gesagt, es war ein sicherer, lukrativer Posten.<\/p>\n<p>Trotzdem k\u00fcndigte ich, um mich fortan als Geschichtslehrer zu verdingen. F\u00fcr die Bewerbung als freier Kandidat habe ich mich nach Feierabend in der Renault-Zentrale aus eigener Motivation vorbereitet. Nach wie vor war ich aber von Personen umgeben, die verstehen konnten, dass es besser war, eine Stelle zu haben, in der ich mich f\u00fcr die Gesellschaft n\u00fctzlich machen konnte, als einen gut bezahlten Job ohne gesellschaftlichen Nutzen. Das war vor 15 Jahren.<\/p>\n<h2>Geld als einzige Quelle der Erf\u00fcllung?<\/h2>\n<p>Wenn ich mich heute umschaue<strong>, sehe ich nicht mehr viele Menschen, die versuchen, gl\u00fccklich zu sein, ihr Leben mit einer interessanten T\u00e4tigkeit zu f\u00fcllen, einer Leidenschaft, auch wenn sie nicht besonders lukrativ ist<\/strong>. In so manchen E-Mails stellt man mir die Frage, warum ich nicht mehr trade, warum ich nicht mehr ausschlie\u00dflich das tue? Weil Geld kein Ziel ist, Freiheit dagegen schon, wobei man mit wenig Geld sehr frei sein kann. Ich verbringe lieber einen Tag damit, zu lesen, im Swimmingpool zu plantschen, als mit Trading, um mir dann selbst zu sagen, dass ich zwar 1000\u00a0\u20ac gewonnen habe, aber den ganzen Tag mit nichts anderem verbracht habe als Geld zu verdienen, das meinen Kontostand vergr\u00f6\u00dfert. Und noch viel mehr... wozu? Ein neues Auto? Traurig...<\/p>\n<p>Ich habe versucht zu verstehen, warum sich die Gesellschaft so entwickelt. Warum ist sie zynischer, rauer geworden und warum ist sie v\u00f6llig vom Geld versessen? Und warum ist Geld der einzige Zweck eines Daseins, das doch in der Kiste endet?<\/p>\n<h2>Warum dreht sich in der Gesellschaft alles ums Geld?<\/h2>\n<p>Ich denke, es ist eine Kombination aus mehreren Faktoren. Die <strong>Wirtschaftskrise hat die Mittelschicht beunruhigt, indem sich wirtschaftliche und psychologische Unsicherheit breit machten.<\/strong> Eine Arbeit zu haben, gilt jetzt als \u201eGl\u00fccksfall\u201c, ein kostbares Gut, das es zu verteidigen und zu sch\u00fctzen gilt, auch wenn dazu die Kollegen fertiggemacht werden, damit man ja nicht das erste Opfer der n\u00e4chsten Entlassungswelle wird. Um diesen Gl\u00fccksfall (?) zu nutzen, seine Arbeit zu behalten, haben die Angestellten alles mitgetragen: h\u00f6heres Arbeitstempo, st\u00e4ndig steigenden Druck, unbezahlte \u00dcberstunden, Herabstufungen. Daher ist das Unternehmen heute nicht mehr ein Arbeitsplatz, sondern ein Ort des Wettbewerbs, des Drucks, des Ungl\u00fccks all derer, die das nicht aushalten, die ihr Ziel nicht erreichen, die m\u00fcde wirken...<\/p>\n<p><strong>Manchmal identifizieren sich die Menschen sogar mit ihrer Arbeit<\/strong>, was f\u00fcr sie katastrophale Folgen haben kann, wenn sie sie verlieren. Neben einem festen Einkommen verlieren sie n\u00e4mlich auch ihre Identit\u00e4t... Vergangenen Monat habe ich mich mit einem fr\u00fcheren Kollegen von Renault unterhalten, der in den Ruhestand ging. Ich hatte den Eindruck, dass er sich nicht wohl f\u00fchlte, dass er trotz seines L\u00e4chelns und der \u00fcblichen Wortspiele bei seiner Abschiedsfeier beklommen wirkte. Er vertraute sich mir an und ich versuchte, ihn zu beruhigen, aber 3 Wochen sp\u00e4ter brachte er sich um... Er hatte keinen Plan, keine Identit\u00e4t au\u00dfer seiner Arbeit.<\/p>\n<h2>Geld macht gl\u00fccklich<\/h2>\n<p><strong>Das ist das Bild, das uns die Medien vermitteln: Um gl\u00fccklich zu sein, muss man konsumieren.<\/strong> In einem Porsche ist man doch viel gl\u00fccklicher als in einem Opel. Das ist eine feststehende Tatsache, die von niemandem bestritten wird, der nicht an den Fundamenten unserer Gesellschaft r\u00fctteln will. <strong>F\u00fcr den Konsum braucht man Geld, und um Geld zu verdienen, braucht man eine Arbeit, und um eine Arbeit zu bekommen, muss man Kr\u00f6ten schlucken.<\/strong> Das macht die Menschen aggressiver, denn bei der Arbeit m\u00fcssen sie alles auf sich nehmen, aber au\u00dferhalb k\u00f6nnen sie andere Autofahrer attackieren, die z\u00f6gern, nach links oder rechts abzubiegen.<\/p>\n<p>Diese interne Gewalt wird vom Unternehmen so stark kontrolliert, dass schon so manche F\u00fchrungskraft nach ihrer Entlassung Selbstmord begangen hat. Er gibt sich selbst die Schuld f\u00fcr die K\u00fcndigung und f\u00fchlt sich als Versager. Es w\u00e4re zu vermuten gewesen, dass er mit einer Schrotflinte auf seinen Personalchef losgeht. Es geschah jedoch das Gegenteil: Er wendet Gewalt gegen sich selbst an und bringt sich um. Das zeigt uns die Macht des Unternehmens, das Schuld auf sich l\u00e4dt. Aber es zeigt uns auch, dass viele Menschen ihre Identit\u00e4t an ihre Arbeit kn\u00fcpfen. Sie sind nicht mehr Herr Soundso, sondern ein Professor, Doktor oder Ingenieur.<\/p>\n<h2>Eine narzisstische Gesellschaft<\/h2>\n<p><strong>Die Gesellschaft ist viel narzisstischer.<\/strong> Das \u201eIch\u201c wird zum Mittelpunkt der Diskussionen, das \u201eWir\u201c verschwindet allm\u00e4hlich im Hintergrund. Die Individualisierung schreitet \u00fcberall voran, auch innerhalb von Paaren. Obwohl dies die kleinstm\u00f6gliche Einheit des Zusammenlebens ist. Jeder kann individuelles Gl\u00fcck innerhalb des Paares beanspruchen, was als normal und erf\u00fcllend dargestellt wird. Auch wenn das Paar darunter leiden kann. Ich will, ich mache, mein(e) Partner(in) gef\u00e4llt mir nicht mehr, ich entsorge ihn (sie). <strong>Dating-Sites sind die Quintessenz daf\u00fcr.<\/strong> Sie sind der Supermarkt f\u00fcr Dates. Wir konsumieren, aber wir halten uns nicht mehr zu lange mit einer Sache oder Person auf, da es ja jederzeit die M\u00f6glichkeit besteht, etwas Besseres zu finden. Es wird immer jemanden geben, der reicher, sch\u00f6ner, intelligenter, muskul\u00f6ser ist. Der Pool wird st\u00e4ndig erneuert, als w\u00e4ren es Autos und Fernseher. Ein Konsumrausch, der sogar die Beziehungen zwischen den Menschen beeinflusst.<\/p>\n<p><strong>Der Individualismus hat enorme Fortschritte gemacht. Die Vorstellung, dass der andere m\u00f6glicherweise kein Freund ist, sondern eine Gefahr darstellen k\u00f6nnte, wird immer ausgepr\u00e4gter. <\/strong>Meiner Meinung nach ist dieser Individualismus durch die Wettbewerbsgesellschaft zu erkl\u00e4ren. Wehe den Besiegten: Ich werde t\u00f6ten, um meinen Job, mein Gehalt, mein Geld, meinen Konsum zu behalten. Denn letzten Endes geht es um meine Identit\u00e4t in einer kommerziellen Gesellschaft. Dann handelt es sich um Imponiergehabe. Das Wichtigste im Leben ist Geld, denn damit kann man Konsumg\u00fcter kaufen, die Neid erzeugen. Mann kann dann sein \u00fcberlegenes Konsumverhalten genie\u00dfen, indem man sein tolles Auto oder den neuesten Computer anpreist. Der Wert liegt in der sozialen Anerkennung und dem Neid von Nachbarn oder Kollegen. Ich opfere viel, um mir meine geleaste Luxuskarosse zu leisten. Da erwarte ich wenigstens Neid von den Nachbarn. Wenn nicht, was bringt es dann, \u00dcberstunden zu machen?<\/p>\n<p>Was sollte sonst das Ziel sein? G\u00e4hnende Leere... nur f\u00fcr die Augen des anderen zu existieren.... und von einer Rolex mit 50 zu tr\u00e4umen... Die Leute machen mir Angst...<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dominiert Geld unser Leben? In den letzten Tagen bin ich nur Leuten begegnet, die \u00fcber Geld reden. Es ist ihr einziges Weltbild, ihre einzige Motivation, ihr einziger Wert. Dieses Vakuum und vor allem ihre Gewissheit, dass dies das alles bestimmende Thema sein soll, finde ich manchmal st\u00f6rend. 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